Ernst-Ludwig-Haus, Darmstadt

Neufert-Meisterbau, Darmstadt

2008/07_Tagung/Exk._Darmstadt

"Ai Weiwei Beijing - Fake Design in the village", Ziegelarchitektur in Beijing_Dr.-Ing. Eduard Koegel / Sonnenhaus versus Passivhaus_ Dipl.Ing. Georg Dasch / Werkbericht Staatstheater Darmstadt_ Prof. Arno Lederer / Werkbericht "Learning from the roots" in Simbabwe_Wiss. Ass. Barbara Schelle / Nachhaltig-
keitszertifizierung von Bauwerken_ Prof. Carl-A. Graubner / Zwischen Lebensreform und Wiederaufbau, zur Geschichte und Entwicklung Darmstadts_Prof. Werner Durth

Globale Erderwärmung als Folge ungebremsten Energiever-
brauchs, neuerdings kombiniert mit explodierenden Energie-
kosten, ein Szenario, das in weiten Teilen der Welt durch Kriege, Umweltverschmutzung und Nahrungsmittelknappheit verschärft wird, erzwingt ein Umdenken. Der Mensch, vielerorts als Verur-
sacher der dramatischen Umweltprobleme geortet, sucht nach Wegen aus der bedrohlichen Krise. Die Suche nach Lösungs-
konzepten ist eine globale Suche geworden. Umweltbewusst-
sein erzwingt sich über tägliche Hiobsbotschaften letztlich sei-
nen Weg in die Köpfe und schafft die Basis für Neuerungen, die einen behutsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde einfordern.
In vielen Teilen der Welt führt die Beachtung archaischer
Grundprinzipien zu wichtigen Ansätzen: „Learning from the
roots“ nennt sich ein Projekt von Entwurfsstudenten der TU München, die mit Prof. Hannelore Deubzer und dem Lehrstuhl
für Raumkunst und Lichtgestaltung eine Schulerweiterung in Simbabwe nicht nur mit den Menschen vor Ort planen, sondern auch bauen. Ein Beispiel der Hochschularbeit, das das Potential der nackten Erde und der Sonne als Reichtum begreift und die Beschränkung der Mittel als Chance und Ansporn für funkti-
onale Raumbildung und -kunst nutzt – wie in Urzeiten. Junge
Leute aus Europa und Afrika erleben gemeinsam das Bauen
mit Ziegel als jahrtausende alte und immer noch gültige Aus-
drucksform im Kampf um Schutz vor den Unbilden der Natur mithilfe der Gaben der Natur.
Von Hand geformter Lehm, getrocknet in der Sonne und auf archaische Weise gebrannt, ist das Baumaterial, das in vielen Teilen der Welt verfügbar ist. Auch der Künstler Ai Weiwei in China hat Ende der neunziger Jahre beim Bau seines Wohn-
und Atelierhauses auf billigem Bauland am Rand des von einer „permanenten Urbanisierungs-Walze“ erfassten Beijing im Rahmen einer hunderttägigen Performance mit Einwohnern
eines Dorfes eine betriebsame Dynamik angestoßen. Die ra-
dikal reduzierte Nutzung lokaler Baumaterialien für einfache
formale Kompositionen fand bei den Dorfbewohnern eifrige Nachahmer. Traditionelle Baukultur, verkörpert durch diese Bauten aus blau-schwarzen und roten Ziegeln, als Kunstprojekt und reales, lebendiges Dorf wird durch Dr. Eduard Kögel aus Berlin vorgestellt.
Die Sonne als Lebens- und Energiespender in Kombination mit dem Baustoff Ziegel, der auch in Süddeutschland eine Tradition bis zurück zu den römischen Bauten vor 2.000 Jahren hat, ist Thema für den Vortrag von Dipl.-Ing. Georg Dasch. Die Arbeit
des Sonnenhaus-Instituts verdeutlicht Baufachleuten, wie die
Kraft der Sonne, die Speicherfähigkeit von Wasser und die Wärmedämmeigenschaften moderner Ziegelgenerationen nahe-
zu von der Ölindustrie autarke Häuser erschaffen können. Erkenntnisse, die angesichts extrem günstiger Absatzchancen im Bereich Wärmedämmverbundsysteme, die in der Herstellung häufig auf große Mengen an Erdöl angewiesen sind, sehr nach-
denklich machen. Die unmittelbar anstehende Verschärfung der Energieeinsparverordnung, die von Beginn an unter starkem Einfluss der Dämmstoff produzierenden Lobby stand, geriet zudem zu einem Dickicht aus Regeln und Sonderregeln, das
selbst den Experten – vor allem angesichts ungeklärter
Durchführbarkeit – große Sorge bereitet.
Prof. Carl-Alexander Graubner stellt uns in diesem Zusammen-
hang die Grundzüge der Nachhaltigkeits-Zertifizierung vor. Nach Jahren der fast ausschließlichen Konzentration auf die Themen „Primärenergiebedarf“ und „Hüllflächentransmissionswärme- verluste“ soll das Augenmerk der Fachwelt wieder etwas aufge-weitet werden auf all die anderen wesentlichen Kriterien, die mit dem inzwischen reichlich abgenutzten Begriff „nachhaltig“
schon vor Jahren in bester Absicht zusammengefasst wurden.
Unsere Professoren-Tagung stellt auch in diesem Jahr einen lokalen Bezug zum Tagungsort her. Prof. Arno Lederer berichtet
in seinem Vortrag und vor Ort über die Restaurierung und die Umplanung und Neugestaltung des inzwischen mehrfach mit Architekturpreisen ausgezeichneten Staatstheaters Darmstadt
und ergänzt seinen Werkbericht um andere weithin bekannte Bauten des Architekturbüros Lederer Ragnasdottir Oei.
Prof. Werner Durth führt uns zum Ende der Tagung zuerst vir-
tuell und am nächsten Vormittag höchst selbst zur „Stadtkrone“ Darmstadts, zum Weltkulturerbe auf der Mathildenhöhe. Sein
Blick zurück zu Arts & Crafts in England, über die Sezession in Österreich zu Joseph Maria Olbrich und zum „Tempel der Arbeit“ in Darmstadt öffnet uns die Augen für die kulturellen
Errungenschaften und Impulse zur Lebensreform um 1900 und die Entwicklung der Stadt Darmstadt bis heute.