Frei geformte Mauerschale der TU Dresden

Zu Wohnungen umgebauter Teil der Buntgarnwerke, Leipzig-Plagwitz

"Rundling", sanierte Wohnsiedlung im Süden von Leipzig

2008/09_Exkursion_Dresden-Leipzig

City-Hochhaus Leipzig_Universitäts-Campus_Paulinerkirche Aula der Universität_Hauptbahnhof Dresden_Prager Straße_ Rundkino_UFA-Kristallpalast_Neumarkt_Frauenkirche_Alte Synagoge_Neue Synagoge_Hotel Westin Bellevue_ Waldschlösschenbrücke_Schloss Eckberg_Frei geformte Mauerschale TU Dresden_Zeuner-Bau der TU Dresden_Goerg-Schumann-Bau der TU Dresden...

Die Baugeschichte von Leipzig und Dresden über viele Jahrhun-
derte bis zur massiven Zerstörung beider Universitätsstädte im
2. Weltkrieg, ihre politische und planerische Entwicklung während der fast 45 Jahre DDR-Zeit und die umfassenden Eingriffe und Veränderungen nach der Wiedervereinigung ziehen Besucher in ihren Bann. Das urbane Gepräge der anspruchsvoll erneuerten Gründerzeitquartiere, die trotz der Kriegsschäden
mit ihren erhaltenen Altbauten das Stadtbild bestimmen, war
nach der Wende kein ausreichendes Gegengewicht im Kampf gegen die Abwanderung der Bevölkerung ins Umland. Der Neu- bauboom auf den grünen Wiesen vor den Toren der Städte
wurde glücklicherweise durch einen Sanierungsboom in den gewachsenen Stadtvierteln abgelöst, der fast bis 2000 anhielt.
Die Architektur der letzten 20 Jahre zeigt exemplarisch, wie der erste Run auf die vermeintlich schnellen Gewinne, die in den neuen Bundesländern zu machen waren, ungeheuere planeri-
sche Schnellschüsse nach sich zog. Inzwischen ist ein Diskurs unter Fachleuten gewachsen, der auf die schwierigen Entwick-
lungen nach der Wende neue Konzepte anwendet. Leerstand
von schnell hochgezogenen „Einheitsbürogebäuden“ und not-
wendige Schrumpfung beim Wohnungsbestand sind brisante Themen dieses „Stadtumbaus“ in den großen Städten der
neuen Bundesländer.

Dresden und Leipzig sind Paradebeispiele für die aktuellsten Tendenzen der Denkmalpflege heute in einem heterogenen Umfeld, das noch immer deutlich ablesbare Lücken mitten in
den pulsierenden Städten zeigt. Beide Städte müssen sorgfältig wieder aufgebaute Baudenkmäler neben Plattenbauten und
groß angelegten städtebaulichen Neugestaltungen der 60er
Jahre im Zeichen der klassischen Moderne zu einem Stadtbild zusammenführen. Die Universitätsbauten am City-Hochhaus
und vor allem der Bau der Kirche und Aula am Leipziger
Augustusplatz haben sehr lebhafte, kontroverse Diskussionen bewirkt. Nichts Neues für Erick van Egeraat, der häufig durch seine „exaltierten“ Bauwerke aneckt! Das bereits vorhandene Stil-Sammelsurium von City-Hochhaus und Gewandhaus über
die Oper bis zu sozialistisch geprägten Großbauten auf der Ostseite des Georgi-Rings erschweren jede Baumaßnahme am Augustusplatz. Die Bewältigung dieser vielschichtigen – auch baulichen – Vergangenheit ist eine überaus anspruchsvolle Aufgabe für Stadtplaner und Architekten.

Leipzig, eine lebendige Stadt mit ausgeprägten Stadtvierteln,
die verschiedenen Themen zugeordnet sind, hat viel zu bieten. Auf den Spuren der Industriearchitektur der Gründerzeit, jenen ambitionierten Großprojekten mit ihren prachtvollen Backstein-fassaden, den „Kathedralen der Arbeit“ vor allem in Plagwitz,
finden sich neue, beneidenswert idyllische Wohn- und Arbeits-situationen. Büros, Ateliers und Lofts in den Buntgarnwerken
und der Baumwollspinnerei, die Erinnerungen an die Docklands
in London wachrufen, als sie noch ursprünglicher und weniger kommerzialisiert waren. Firmenneugründungen sprießen in
derart attraktivem und anregendem Umfeld. Stadtvillen begin-
nen sich im Musikerviertel, einem Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen, ehemals repräsentativen, großbürgerlichen
Viertel, auf Kriegsbrachen zu entwickeln. Auch wenn der Ver-
kauf zögerlicher vorangeht, als man es den potentiellen Käufern und den zeitweilig auch als Bauträger agierenden Architekten wünschen möchte.

Das Eintauchen in die klassischen Touristenbereiche Dresdens zwischen Frauenkirche und Semperoper konfrontiert auch mit
den umstrittenen Planungskonzepten am Neumarkt oder dem Stadtbild prägenden Neubau der Synagoge. Erzeugt das Repro-duzieren von Baudenkmälern „kunstgewerbliche Stadtattrappen
unter Preisgabe der alltäglichen städtischen Funktionen“? – ein Thema, das Prof. Thomas Will im Rahmen der Debatte zum Denkmalschutz anspricht. Nach der aufwändigen Rekonstruk-
tion der Frauenkirche sicher eine interessante Frage. In un-
mittelbarer Nachbarschaft konfrontiert die Prager Straße jeden Besucher, der sich der Altstadt vom Hauptbahnhof aus nähert,
mit den allgegenwärtigen Kriegswunden, auch wenn die städte-
bauliche Leistung des Planungskollektivs in diesem wesentli-
chen innerstädtischen Gebiet zwischen 1965 und 1978 heute
anerkannter ist, als sie bei der Eroberung eben dieses Areals durch das „freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte“ kurz
nach der Wende war. Und all dies in einer Stadt, die dabei ist,
sich den Titel „Weltkultur-Erbe“ durch den anscheinend ver-
kehrstechnisch dringend notwendigen Bau der Waldschlöss-
chenbrücke zu „verbauen“ und die klassizistische Fassade des Militärhistorischen Museums von Daniel Libeskind mit einem gigantischen Keil – als Zeichen für Pazifismus – aufbrechen
zu lassen!

Da taucht man gerne in die inzwischen wieder sehr heil an-
mutende Welt der Gartenstadt Hellerau ein. Ländliche Wohn-
idylle – zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich ge-
schaffen von den Architekten Riemerschmid, Tessenow und
Muthesius – gemischt mit neuen Nutzungskonzepten, die in
den Gebäuden der ehemaligen Werkstätten für viele kreative Menschen Raum bieten. Ähnlich kreativ wie die Mitarbeiter von Prof. Schulten, die an der TU Dresden eine freitragende Scha-
lenkonstruktion aus Ziegelmauerwerk entwickelt und selbst gebaut haben, um die Machbarkeit einer komplexen Form zu erforschen und das Potential dieses gängigen Baumaterials zu demonstrieren. Auf einem Uni-Campus, der von mächtigen,
sehr gut erhaltenen, historischen Sichtziegelgebäuden geprägt
ist, fügt sich das kleine, gekurvte experimentelle Bauwerk ganz bescheiden ein. Es erregte dennoch Aufsehen bis nach München, um im Rahmen der Hochschularbeit des Ziegel
Zentrum Süd einen weiteren Grund für die Reise nach Sachsen
zu bieten. Der Anfang des „roten Fadens“, der die Professoren-Exkursionen begleitet, war gefunden.

Vier Tage lang reist eine Gruppe von 27 Professorinnen und Professoren der Architektur und des Bauingenieurwesens anlässlich der Professoren-Exkursion gemeinsam nach Leipzig
und Dresden. Sie besuchen im interdisziplinären Diskurs die
TU Dresden, mit der Chance, sich über Hochschulgrenzen hin-
weg mit den Lehrenden vor Ort über aktuelle Themen auszu-
tauschen. Diese Unternehmung ist eng verwoben mit der Lehre
an den Hochschulen von fünf Bundesländern, mit denen das Ziegel Zentrum Süd im Rahmen von Studentenseminaren und -exkursionen in Süddeutschland zusammenarbeitet. Die jährlich im September durchgeführten Professoren-Exkursionen bieten allen Beteiligten die rare Gelegenheit, bestehende Beziehungen
zu vertiefen, neue Anknüpfungspunkte zu finden und interessan-
te Konzepte für die Zukunft in einer inspirierenden und ent-
spannten Umgebung gemeinsam anzudenken und die aufge-
worfenen Themen in der eigenen Lehre zum Einsatz zu bringen.